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7. Februar 2017 / oeffentlicherraum

Orientierungslos

Trump. Brexit. Höcke. Krim. Diese Schlagworte zerbrechen politische Selbstverständlichkeiten für mich. Selbstverständlichkeiten, die in der Zeit meiner Großeltern von Grund auf errichtet und in der Zeit meiner Eltern ebendies wurden: selbstverständlich. „Nie wieder“. Westliche Wertegemeinschaft. Europäische Integration und Zusammenarbeit. Rasend schnell zerfällt ein ganzes Koordinatensystem.

Europäische Integration, das ist auch, ganz zu Beginn: Kein Krieg in Europa. Selbst diese Überlebens-Selbstverständlichkeit wackelt in mir, wenn ich von neuen Eskalationen in der Ostukraine lese und mir gleichzeitig vorzustellen wage, was Trumps „America first“ wohl einem expansionshungrigen Russland entgegenzusetzen willens ist. Ob Putin sich nur zum Spaß und aus Rachsucht an einer unliebsamen Ex-Außenministerin in die US-Wahlen eingemischt hat? Oder ist es nicht doch wahrscheinlicher, dass dieser Eröffnung bald der nächste Zug eines globalen Schachspiels ist, das Putin schon deshalb gewinnen könnte, weil sein einzig global ebenbürtiger Gegner immer noch von politischer Erfahrungs- und Ahnungslosigkeit geschlagen an der Meinung festhängt, man spiele ja für die gleiche Seite? Wer verteidigt eigentlich die baltischen Staaten, wenn Trump die NATO-Bündnisverpflichtungen zu einem schlechten Deal erklärt?

Überhaupt, Trump. Mit der Wahl dieses großmäuligen Reality-Show-Darstellers, der „sogenannte Richter“ und das ganze Justizsystem bei unliebsamen Entscheidungen gleich mal präventiv für künftige Terroranschläge verantwortlich macht, der Mexiko telefonisch mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen droht, ein atomares Wettrüsten für erstrebenswert hält und allen Ernstes die Chuzpe hat, den ersten Einsatz amerikanischer Spezialeinheiten in seiner Amtszeit nicht nach reiflicher Überlegung und Beratung durch Experten der US-Streitkräfte und Geheimdienste zu befehlen, sondern darüber am Rande eines Abendessens entscheidet, der sich aus Rassismus und Frauenverachtung eine Marke gebastelt hat, der sich als milliardenschwerer Erbe und Immobilienunternehmer öffentlichkeitswirksam „gegen das Establishment“ und die Finanzindustrie stellt, um anschließend ein Kabinett aus Millardären und Goldman-Sachs-Finanzfunktionären zu berufen, der in egomaner Selbstberauschung keine Meinung dulden zu können scheint, die nicht mit seiner eigenen übereinstimmt, und mithilfe von Pressesprecher Sean Spicer, Alternativberichterstatterin Kellyanne Conway und seinem unerträglichen Twitteraccount den Versuch unternimmt, die gesamte freie Presse der ältesten und stolzesten Demokratie der Welt einzureißen — mit dieser Wahl ist mehr in mir zerbrochen, als ich erwartet hatte.

Immerhin bin ich selbst kein Amerikaner und lebe nicht in den USA; ich muss nicht fürchten, wegen Trump meine Krankenversicherung zu verlieren oder nach einer Urlaubsreise nicht mehr in mein Heimatland gelassen zu werden, mir können die republikanischen Steuer-, Bildungs- oder Wahlrechts-Pläne im Prinzip ziemlich egal sein. Aber so wenig mich auch real mit diesem Land hinter dem Atlantik verbindet, so sehr trifft mich, was die Wahl von Trump gerade mit ihm macht. Die USA war für mich immer ein Leuchtturm, immer ein Orientierungspunkt, ein geistiges Zentrum „des Westens“. Nie ein einfacher Partner, aber meistens der richtige Pol in den großen Fragen: Freiheit. Demokratie. Menschenrechte. We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal; that they are endowed by their creator with certain unalienable rights; that among these there are life, liberty and the pursuit of happiness. Auch wenn da Frauen und schwarze Menschen zu Beginn noch nicht mitgemeint waren, aber auch in diesen Kämpfen um Anerkennung und Gleichstellung bietet der Leuchtturm USA immer wieder Orientierung.

Nun aber: Trump. Trump. Trump. Lock her up. Grab them by the pussy. I love my African-Americans. They bring drugs, they bring crime, they are rapists and some, I assume, are good people. Somebody should buy the failing New York Times and either run it correctly or let it fold with dignity.

Was passiert eigentlich, wenn der Leuchtturm auf der falschen Seite steht?

Die Wahl von Donald Trump alleine wäre vermutlich noch leicht zu verkraften, würde der Rest des politischen Koordinatensystems weiter Orientierung bieten. Aber leider spiegeln die USA eine Orientierungslosigkeit, die Europa schon lange ergriffen hat – beginnend spätestens mit der Banken- und Kapitalmarktkrise, die sich dann zu einer Staatsverschuldungskrise, einer Krise des Euro und einer Krise der europäischen Demokratie weitergefressen hat. Auf unserer Seite des Atlantik verlässt Großbritannien mit einem todesmutigen Sprung in den Brexit das vermeintlich sinkende Schiff, während in Polen und Ungarn demokratisch gewählte Regierungen den Weg zu einer „illiberalen Demokratie“ einzuschlagen versuchen (Ausgang offen). Und in Frankreich ist Marine Le Pen für die Stichwahl ums Präsidentschaftsamt gesetzt. Jetzt noch ein paar ängstliche Blicke nach Italien, Griechenland und über die Ostgrenze der EU hinaus in Richtung Ukraine oder Türkei: Das Haus Europa hat schon mal stabilere Tage gesehen, um es optimistisch auszudrücken. Pessimistischer gesagt: Nicht scharf hingucken, sonst fällt das um.

Können wir uns nach diesen gruseligen Blick nach Amerika und Europa denn wenigstens in die Innenpolitik zurückziehen? Auf einen Teller Erbsensuppe an Muttis warmen Herd? Ebenfalls Fehlanzeige: Auch in Deutschland bröckeln die Selbstverständlichkeiten. Trotz Arbeitslosenquote auf Rekordtief, kontinuierlichem Wirtschaftswachstum und seit den Sechzigern sogar erstmals wieder sinkender Staatsverschuldung: Dem deutschen Michel grimmt der Magen, er träumt alb. Und wie er träumt: Das Holocaustmahnmal – ein Denkmal der Schande. Wir brauchen eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad und müssen daran arbeiten, dass das Wort völkisch wieder positiv besetzt wird. Die grausamen Bilder muss man aushalten, einen Wasserrohrbruch dichten Sie ja auch ab. Helfen Sie mit dabei, die Wucherung am deutschen Volkskörper endgültig loszuwerden! Wenn ich die AfD nicht als hoffentlich bald wieder verschwundene Witzfiguren abtue, sondern ihnen ernsthaft zuzuhören versuche, jagt es mir einen Schauer über den Rücken.

Selbst diese eine deutsche Selbstverständlichkeit der Nachkriegszeit wackelt, die immerhin Grundstein unsere Verfassungsgefüges sein soll: Die Ablehnung des Nationalsozialismus. Die AfD flirtet ganz offen nicht nur mit Ideen, die man guten Gewissens als nationalistisch, chauvinistisch oder rassistisch bezeichnen kann, sondern sogar mit der Sprache der Nazis. „Völkisch“. „Wucherungen am Volkskörper“. Aus einer politisch-taktischen Sicht muss man sich fragen: Warum macht eine Partei solche völlig unnötigen rhetorischen Anleihen bei den Nazis, warum dreht sie den Goebbels-Sound so laut, warum setzt sie sich der vorprogrammierten Kritik aus? Letztlich bleibt nur eine sinnvolle Antwort: Die rhetorischen Näherungen sind keine Unfälle. Das ist Absicht. Diese untergründigen Botschaften haben ein Ziel.

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat geschrieben: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Dieses Böckenförde-Diktum drängt sich mir immer wieder in den Kopf. Der Staatsapparat kann nicht garantieren, dass wir auch in zehn oder zwanzig Jahren noch in einem demokratischen Rechtsstaat in Frieden und Freiheit leben. Verfassungsschutz und Gerichte sind machtlos, wenn der politische Wind dreht, wenn die Selbstverständlichkeiten einer freiheitlichen Gesellschaft genügend erodiert sind.

Und dann blinkt doch wieder der amerikanische Leuchtturm auf, den ich vor einer Seite schon aufgegeben hatte. Dann schaue ich mir die grandiose, überwältigend amerikanische Abschiedsrede von Barack Obama an:

„It falls to each of us to be those anxious, jealous guardians of our democracy; to embrace the joyous task we’ve been given to continually try to improve this great nation of ours.  Because for all our outward differences, we all share the same proud title:  Citizen.“

Offen gesagt: Ich weiß noch nicht, was ich mit Barack Obamas „joyous task“ anfangen soll. Wo der richtige Ort und was die richtige Richtung ist, um etwas gegen den gefährlichen Trend zu tun, den ich hier in Text zu bannen versuche.

Aber das hier ist ein Anfang.

1. Dezember 2013 / oeffentlicherraum

Koalitionsvertrag: Warum ich zustimmen werde

185 Seiten – so lang ist der Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, über den 475.000 SPD-Mitglieder in den nächsten Tagen abstimmen werden. Da ich einer dieser 475.000 bin, habe ich den Vertrag in den letzten Tagen durchgelesen und versucht, mir eine Meinung zu bilden.

Das Ergebnis fällt gemischt aus. In den 185 Seiten steht nicht nur ziemlich viel politische Lyrik, die man ohne Verlust hätte weglassen können. Auch inhaltlich gibt es Licht- und Schattenseiten.

Gute Arbeit

Zu den großen Pluspunkten zählen für mich die Kapitel „Gute Arbeit“ und „Soziale Sicherheit“ (ab S. 67). Kernpunkte des SPD-Programms wie ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn, der Kampf gegen Missbrauch bei Werkverträgen und Leiharbeit, ein flexiblerer Rentenzugang für Menschen, die lange gearbeitet haben, und eine garantierte Mindestrente von 850 € sind drin. Auch die Angleichung von Ost- und Westrente wird endlich in Angriff genommen.

Besonders der Kompromiss zum Mindestlohn hat mich positiv überrascht. Er soll Anfang 2015 in Kraft treten – und als einzige Ausnahmeregelung ist vorgesehen, dass bis Ende 2016 in Tarifverträgen mit „repräsentativen Tarifpartnern“ (lies: DGB-Gewerkschaften) Abweichungen möglich sind. Sprich: Entweder der Mindestlohn gilt oder die Arbeitgeber sind gezwungen, einen ordentlichen Kompromiss mit den Gewerkschaften auszuhandeln. Flucht aus der Tarifbindung ist keine Option – ab 2015 gibt es eine flächendeckende Regulierung von Lohnuntergrenzen. Wenn man bedenkt, dass die Union anfangs einen Flickenteppich von regional und nach Branchen differenzierten Mindestlöhnen plus Ausnahmen für Junge, Alte, Langzeitarbeitslose, Erntehelfer, Zeitungsausträger und was weiß ich noch alles wollte, ist das Ergebnis wirklich überzeugend.

Die Stärkung der Tarifbindung zieht sich generell wie ein roter Faden durch den Koalitionsvertrag. Die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen wird erleichtert, ein Tariftreuegesetz auf Bundesebene soll (immerhin) geprüft werden. Kein Wunder, dass die Gewerkschaften den Koalitionsvertrag geschlossen unterstützen. (Der DGB hat eine sehr differenzierte und lesenswerte Bewertung veröffentlicht.)

Einziger Minuspunkt bei der Mindestlohn-Regelung: Die Höhe von 8,50 € soll zum ersten Mal im Jahr 2018 angepasst werden. Der DGB kündigte bereits an, sich im Gesetzgebungsverfahren für eine frühere Erhöhung einzusetzen – das wäre sicherlich sinnvoll. Aber trotz dieses Hakens: Fast 7 Mio. Beschäftigte, davon über 2,5 Mio. in Vollzeit, könnten durch diesen Kompromiss mit einer Gehaltserhöhung rechnen. Das ist wichtiger als die Gestaltung der Übergangsfristen.

Rentenpolitik

Bei der Rentenpolitik haben die drei Verhandlungspartner es sich leicht gemacht: Sie sind mit drei Kernforderungen (SPD: flexibler Rentenzugang für langjährig Beschäftigte; alle ein bisschen: 850 € Mindestrente und Verbesserungen bei der „Mütterrente“) in die Verhandlungen gegangen und haben dann ein Ergebnis verabschiedet, in denen alle Wünsche erfüllt werden. Besonders deutlich wird das bei der Benennung des Mindestrenten-Kompromisses: Aus „Solidarrente“ (SPD) und „Lebensleistungsrente“ (Union) ist eine „solidarische Lebensleistungsrente“ geworden. Politische Grammatik at its best.

Das Problem dahinter ist aber offensichtlich: Der Wunschzettel muss auch finanziert werden. Die 2 Mrd. Euro, um die der Bundeszuschuss für die Rentenversicherung erhöht werden soll (S. 89), wird da nicht ausreichen. Stattdessen geht die Einigung auf Kosten der Beitragszahler.

Gesellschaftspolitik

Nach den Pluspunkten bei den Themen Arbeit und Rente wird es bei der Gesellschaftspolitik besonders gemischt – hier gibt es eine breite Auswahl an Erfolgen und Minuspunkten.

  • Gut: Für Aufsichtsräte wird eine fixe Frauenquote von 30 Prozent eingeführt.
  • Schlecht: Für Vorstände bleibt es bei einer „Flexi-Quote“, die Unternehmen können ihre angestrebte Frauenquote also selbst bestimmen.
  • Gut: Auch die oberste Management-Ebene sowie Führungspositionen im Einflussbereich des Bundes und in der Wissenschaft werden angesprochen.
  • Gut: Es soll ein Entgeltgleichheitsgesetz geben, in dem Unternehmen verpflichtet werden, über die Entlohnung von Frauen und Männern öffentlich zu berichten und Arbeitnehmer_innen individuell Auskünfte zu erteilen.
  • Schlecht: Zusammen mit den Beschäftigten und Tarifpartnern soll Entgeltungleichheit bekämpft werden, aber Sanktionen werden nicht angedroht. Da wird hoffentlich im Gesetzgebungsprozess nachgearbeitet.
  • Schlecht: Das Betreuungsgeld ist im Vertrag nicht erwähnt, bleibt also erhalten.
  • Gut: Bestehende Diskriminierungen von Lebenspartnerschaften sollen abgebaut werden.
  • Schlecht: Es werden keine konkreten Handlungsfelder angesprochen, z.B. das Steuerrecht. Eine Öffnung der Ehe oder die Aufnahme des Merkmals „sexuelle Identität“ in Art. 3 des Grundgesetzes sind mit der Union wenig überraschend nicht möglich. Insgesamt also kaum Bewegung.
  • Gut: Der Optionszwang für in Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder ausländischer Eltern fällt weg. Es muss sich also niemand mehr mit 23 entscheiden, aus welchem von zwei Staaten er_sie lieber ausgebürgert werden möchte. Damit wird eine ungeheure Ungerechtigkeit beseitigt – und dass die Union dem nach langem Widerstand zugestimmt hat, ist wirklich bemerkenswert.
  • Schlecht: Abgesehen vom Optionszwang bleibt es beim alten Staatsangehörigkeitsrecht, das die doppelte Staatsbürgerschaft in der Regel verbietet.
  • Auch im Asylrecht werden einige besonders krasse Ungerechtigkeiten beseitigt (Abschaffung der Residenzpflicht, Einschränkung des Arbeitsverbot auf drei Monate, Schaffung eines alters- und stichtagsunabhängigen Aufenthaltserlaubnis bei „nachhaltiger Integration“), aber ein konsequenter Politikwechsel ist das nicht. Insbesondere der Reformbedarf beim Dublin-II-Verfahren wird völlig vernachlässigt.

Fazit: Kein echter Richtungswechsel, aber diverse Fortschritte bei besonders wichtigen Fragen. Man merkt, dass hier besonders viele Konfliktlinien zwischen den Parteien verlaufen. Angesichts dessen hatte ich keine hohen Erwartungen – und die hat der Koalitionsvertrag immerhin erfüllt.

Innen- und Rechtspolitik

Einfacher ist die Bewertung des innenpolitischen Teils im Koalitionsvertrag: Hier wird es einfach nur repressiv und konservativ. Bei Massengentests sollen auch „Beinahetreffer“ verwertet werden können, die auf Verwandte hindeuten, in diversen Kriminalitätsbereichen sollen Verurteilungen erleichtert werden, Strafen sollen besser als „fühlbares Übel“ gestaltet werden – Spuren einer liberalen Rechtspolitik, die diese Wüste des „Verfolgen und bestrafen“ ergänzen könnten, sucht man vergebens. 

Allerdings: Auch das ist keine Überraschung. Die beiden großen Volksparteien sind sich schließlich in vielen Bereichen uneinig, aber nicht in der Innenpolitik – insofern war hier leider auch kein liberaler Aufbruch zu erwarten.

Besonders deutlich wird das beim Stichwort Vorratsdatenspeicherung (S. 147). SPD und Union wollen die einschlägige EU-Richtlinie umsetzen, die sie zur Einführung der Vorratsdatenspeicherung verpflichtet, allerdings soll sie „nur bei schweren Straftaten und nach Genehmigung durch einen Richter sowie zur Abwehr akuter Gefahren für Leib und Leben“ möglich sein; auf EU-Ebene soll die Speicherfrist auf drei Monate verkürzt werden. Dieser Kompromiss kann den Gegnern der Vorratsdatenspeicherung nicht gefallen (mir auch nicht), aber: Er entspricht weitgehend der Linie, die der SPD-Bundesparteitag mit seinem Beschluss vom 06.12.2011 vorgegeben hat. Auch dort wurde keine Abschaffung der Vorratsdatenspeicherung gefordert, sondern strenge Kriterien. Die stehen im Koalitionsvertrag. Mehr war also nicht zu erwarten.

Dieses Problem gilt eigentlich für die gesamte Innen- und Rechtspolitik: Die Ergebnisse sind nicht zufriedenstellend – aber das liegt nicht daran, dass die SPD sich nicht durchsetzen konnte, sondern daran, dass sie bei selbst keine progressive Innenpolitik macht. Und man kann dem Koalitionsvertrag als Sozialdemokrat schlecht vorwerfen, dass er zu viele SPD-Positionen enthält.

Finanzpolitik

Neben der Innenpolitik war der finanzpolitische Teil des Koalitionsvertrags für mich besonders enttäuschend. Hier hat sich die CDU mit ihrer (einzigen) Kernforderung durchgesetzt: Keine Steuererhöhungen. Stattdessen sollen die Ausgaben, die im Koalitionsvertrag stehen, aus konjunkturellen Mehreinnahmen bezahlt werden. Eine Neuverschuldung soll es nämlich ab 2015 auch nicht mehr geben.

Diese Planung finde ich ziemlich ambitioniert, um nicht zu sagen: auf Sand gebaut. Das gleiche gilt für die Zusatzbelastungen für die Sozialkassen, die aus Betragsmitteln finanziert werden sollen. Sollte sich die Konjunktur nicht so entwickeln, wie Wolfgang Schäuble es bei seinen Berechnungen für die Arbeitsgruppe Finanzen angenommen hat, müssen die Koalitionspartner entscheiden: Entweder es bleibt beim Nein zu Steuererhöhungen – oder die Haushaltskonsolidierung scheitert.

In dem Zusammenhang finde ich es sehr spannend, dass mehrere Spitzenpolitiker beider Seiten (z.B. Angela Merkel und Andrea Nahles) sich nicht darauf festlegen wollten, dass es keine Steuererhöhungen geben wird. Man könne die Zukunft schließlich nicht vorhersagen. Meine Prognose: Das Thema wird spätestens in zwei Jahren noch einmal auf dem Tisch liegen und die SPD kann ihre Vorschläge aus dem Regierungsprogramm aus der Schublade holen.

Positiv zu bewerten ist immerhin die Ausgabenseite: Die Kommunen werden um 6 Mrd. Euro entlastet, weitere 6 Mrd. Euro gehen über Entlastungen der Länder in die Bildung, 5 Mrd. Euro in die Verkehrsinfrastruktur. Auch für die aktive Arbeitsmarktpolitik werden 1,4 Mrd. Euro mehr zur Verfügung gestellt – ein Bereich, der unter Schwarz-Gelb nahezu ausgeblutet ist. Da ist überall noch Luft nach oben, gerade bei den Investitionen in Infrastruktur – aber ohne Steuererhöhungen geht vermutlich nicht mehr. Übrigens: Die gerade aufgezählten Maßnahmen stehen nicht unter Finanzierungsvorbehalt.

Fazit und Bewertung

Wie gesagt: Der Koalitionsvertrag hat Licht- und Schattenseiten. Das ist nicht überraschend, wenn man als (deutlich) kleinerer Partner in die Koalitionsverhandlungen geht. Allerdings sind mir die positiven Punkte am Ende wichtiger als die negativen.

Dabei sticht die Arbeits- und Sozialpolitik besonders heraus. Die SPD konnte hier Maßnahmen durchsetzen, die das Leben von ziemlich vielen Menschen, die die SPD gewählt haben, wirklich verbessern könnten. Mit dem Mindestlohn und der „Rente mit 63“ könnte sie nicht zuletzt Fehlentwicklungen korrigieren, die sie selbst zu verantworten hat.

Strategisch ist das vielleicht der wichtigste Punkt: Die SPD könnte mit diesem Koalitionsvertrag zeigen, dass sie aus ihren Fehlern gelernt hat. Alte Wunden wie die Rente mit 67 (die in der letzten Großen Koalition vor allem von SPD-Arbeitsminister Müntefering durchgekämpft und demzufolge der SPD angelastet wurde) könnten geschlossen werden – und die SPD hätte die Chance, das verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen.

Bei vielen Fragen, bei denen die Union blockiert hat, konnte die SPD immerhin kleine und symbolisch wichtige Erfolge erzielen. Besonders wichtig finde ich die Abschaffung des absurden Optionszwangs. Hier muss die SPD allerdings auch in einer Großen Koalition deutlich machen, dass es weiterhin deutliche Differenzen zur Union gibt. Gut begründeten Streit muss diese Koalition aushalten.

In anderen Bereichen muss man einfach zugeben, dass es keine Fortschritte gab, weil die SPD keine ausreichend fortschrittlichen Positionen vertritt – etwa bei der Vorratsdatenspeicherung, aber auch bei der Energiewende. Wenn die Arbeitsgruppe Energie auf SPD-Seite von der NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft geführt wird, liegt es sicherlich nicht nur an der Union, dass die großen Energiekonzerne mit dem Ergebnis leben können. Hier lohnt sich sicherlich der Kampf innerhalb der Partei, um zu besseren Positionen zu kommen. Aber ich finde es wenig sinnvoll, dem Koalitionsvertrag deshalb nicht zuzustimmen, weil Union und SPD bei ihrem Kompromiss nicht links von der SPD gelandet sind.

Insgesamt bin ich noch lange nicht begeistert. Aber es reicht für ein Ja zum Koalitionsvertrag.

29. Januar 2013 / oeffentlicherraum

Zum #aufschrei

Diesem Tweet von Anne Wizorek folgte eine Welle von Reaktionen, deren Ausmaße vermutlich niemand vorhergesehen hat. Mittlerweile haben Tausende Frauen via Twitter ihre Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen und Alltagssexismus geteilt – und noch immer gehen auf der Seite Aufschreien gegen Sexismus im Minutentakt neue Beiträge ein.

Ich schreibe diesen Beitrag nicht, weil ich eigene Erlebnisse, eine neue These oder eine irgendwie bedeutende Analyse zu dieser Debatte beizutragen hätte. Ich bin schlicht überrascht und geschockt, was für einem Ausmaß an Übergriffigkeit, verbaler und körperlicher Gewalt Frauen jeden Tag ausgesetzt sind. Dass es ein Sexismus-Problem in Deutschland gibt, war mir klar, aber diese Dimensionen habe ich mir nicht vorstellen können.

Deshalb kein langer Text, sondern zwei Dinge: Danke an alle Frauen, die den Mut gefunden haben, ihre Erlebnisse öffentlich zu machen. Und der Aufruf an alle Männer: Hört euch den #Aufschrei an.

Hier eine lose Sammlung lesenswerter Texte: